Neuverhandlungen mit dem Bezirk: "Die Basis für die nächste Zukunft in Algasing und Malseneck ist gesichert"

Gelöste Stimmung am letzten von fünf spannenden Verhandlungstagen. Von links: Sabine Materna (Verwaltungsleiterin Barmherzige Brüder gemeinnützige Behindertenhilfe GmbH Algasing und Malseneck), Jochen Krumbach (Vergütungs- und Pflegesatzvereinbarungen Bezirk Oberbayern), Josef Langwieder (Wohnbereichsleiter Algasing) und hinten rechts Christian Siebold (Caritasverband der Erzdiözese München und Freising, Abteilung Entgelte/Zuschüsse). Vor ihm links Angelina Stockerl (Buchhaltung), rechts Verwaltungs-Azubi Verena Hilger und vorne Personalsachbearbeiterin Elisabeth Bauer. Weitere Beteiligte waren Georg Schandl (Buchhaltung), Silvia Schroll (Organisationsentwicklung) und Susanne Eder (Personalbüro).

An insgesamt fünf Tagen zwischen März und August 2016 wurden in Algasing neue Leistungs- und Entgeltvereinbarungen mit dem Bezirk Oberbayern ausgehandelt. Das Ergebnis: mehr Geld, aber bis auf Weiteres keine Neuaufnahmen.

Als „manchmal ganz schön zäh“ bezeichnet Verwaltungsleiterin Sabine Materna die Gespräche mit Jochen Krumbach vom Bezirk Oberbayern, dem Vertreter unseres wichtigsten Kostenträgers. Zwischendurch war es wohl nur dem diplomatischen Geschick Einzelner zu verdanken, dass nicht die Schiedsstelle angerufen werden musste. Wen wundert’s: Es geht bei solchen Abschlüssen um ziemlich viel Geld. Aber die Verwaltungsleiterin ist zufrieden und erleichtert: Insgesamt wurde ein erfreuliches Plus ausgehandelt. „Damit ist die Basis für die nächste Zukunft wieder gesichert.“
 
Wer jetzt große Sprünge erwartet, freut sich allerdings zu früh. Ein Gutteil der Mehreinnahmen fließt nämlich gleich wieder ab. Schon im Januar wurden laut Tarifbeschluss höhere Löhne für Mitarbeiter im Sozial- und Erziehungsdienst fällig. Im Juni haben alle Caritas-Beschäftigten eine Tariferhöhung von 2,4 Prozent bekommen. Diese Mehrausgaben wurden bei den Verhandlungen gleich mit einkalkuliert.

Auch bedeutet mehr Geld leider nicht mehr Personal. Das liegt am sogenannten Personalschlüssel. Der errechnet sich aus der Anzahl der Bewohner und deren jeweiligem Hilfebedarf und ist bei uns in Oberbayern ohnehin „einer der besten in Deutschland“, wie Sabine Materna feststellt.

Pädagogisches Konzept kommt an
Nicht nur der Personalschlüssel ist fest vorgegeben. Auch die Anzahl der BewohnerInnen ist vertraglich geregelt; wie viele Fachkräfte aus welchen Berufsgruppen beschäftigt sein müssen („Fachkraftquote“); wie wir die zugesagte Qualität sicherstellen (Stichwort Dokumentation); und nicht zuletzt, welche Pflege- und Betreuungsmaßnahmen wir unseren BewohnerInnen anbieten. „Der pädagogische Part ist bei den Verhandlungen immens wichtig“, betont Sabine Materna. Das Konzept von Wohnbereichsleiter Josef Langwieder für mehr Selbstversorgung auf den Gruppen hat den Bezirk überzeugt. Künftig werden die BewohnerInnen, wo möglich, selber einkaufen und kochen, ganz im Sinn des Inklusionsgedankens.

Auch der Abbau von Doppelzimmern zugunsten von Einzelzimmern wurde anerkannt. Dem von Geschäftsführer Günter Ducke vorgestellten Zeit- und Umzugsplan für die Brandschutzertüchtigungsmaßnahmen im Eustachius Kugler-Bereich wurde zugestimmt. Und wir können - wie im Masterplan 2025 vorgesehen - den besonders betreuungsintensiven Chorea Huntington-Bereich um neun auf 27 Plätze aufstocken (neun Plätze entfallen dafür im Wohnbereich).

Wermutstropfen: keine Neuaufnahmen und ungedeckte Energiekosten
Im Gegenzug mussten wir uns verpflichten, keine neuen BewohnerInnen aufzunehmen, bis wieder das Soll von 232 Bewohnern erreicht ist. Zurzeit leben 242 Frauen und Männer in Algasing – zu viele für den Bezirk, der mit festen Platzzahlen rechnet. Ein weiterer Wermutstropfen laut Sabine Materna: Trotz aller Bemühungen ist es nicht gelungen, die Energiekosten zu decken. Unsere Eigenkosten für möglichst umweltfreundliche Strom- und Wärmeerzeugung sind höher als der zugestandene Satz. „Das ist ein Ansporn zur weiteren Energieoptimierung“, meint Sabine Materna. Und ein gewichtiger Grund, das kürzlich installierte Energiemanagement voranzutreiben.

Teamwork als Erfolgsrezept
Alles in allem waren die Verhandlungen jedoch sehr erfolgreich. „Alle Teams haben Hand in Hand gearbeitet“, freut sich die Verwaltungsleiterin über den guten Verlauf. Bis hin zu Verwaltungs-Azubi Verena Hilger, die das Verzeichnis der „Maßnahmenteilnehmer“ (Behördendeutsch für Bewohner) auf dem Laufenden hielt, waren alle MitarbeiterInnen aus Buchhaltung und Lohnbüro eingespannt, um belastbare Zahlen vorlegen zu können. Außerdem lobt Sabine Materna ausdrücklich die Fairness der Verhandlungspartner. So strittig manche Punkte auch waren - alle Beteiligten waren letztendlich darum bemüht, zurück zum richtigen Ton und zu einer Lösung zu finden. Besonders hilfreich war es, mit Christian Siebold einen Entgelt-Fachmann vom Caritas-Verband zur Seite zu haben. Er hat den Überblick über das Verhandlungsgeschehen in ganz Oberbayern und kann daher die Zahlen, mit denen jongliert wird, richtig einordnen. Auch dank seiner Unterstützung ist ein ausgewogenes Ergebnis zustande gekommen, mit dem wir unsere Arbeit für Menschen mit Behinderung gut fortführen können.



Wie wir uns finanzieren
Unsere Arbeit wird zu 95 Prozent von den unterschiedlichsten kommunalen Sozialhilfeträgern finanziert (Bezirk, Arbeitsagentur, Rentenversicherung, …). Nur etwa fünf Prozent der Bewohner sind Selbstzahler. Der Topf, aus dem die öffentlichen Gelder für die Behindertenhilfe kommen, heißt „Eingliederungshilfe“ und wird vom jeweiligen Bezirk verwaltet. Für Algasing und Malseneck ist der Bezirk Oberbayern zuständig. Mit dieser Behörde schließen wir Verträge darüber ab, welche Leistungen wir für welchen Personenkreis bieten – die Leistungsvereinbarung – und wie viel Geld wir dafür bekommen – die Entgeltvereinbarung. Da sich sowohl Leistungen als auch Entgelte im Laufe der Zeit verändern, werden immer wieder Nachträge notwendig. Irgendwann sind es aber zu viele Änderungen. Dann lohnt es sich, das ganze Vertragswerk auf neue Beine zu stellen und „echt“ zu verhandeln. In Algasing war das zuletzt vor fünf Jahren der Fall. Die jetzt neu verhandelten Vereinbarungen sind rückwirkend zum 1. März 2016 so lange gültig, bis wir wieder Neuverhandlungen beantragen.

Zahlreiche Vorgaben
Unser Vorteil im Vergleich zur freien Wirtschaft: Als Sozialunternehmen im Non-Profit-Bereich müssen wir keinen Gewinn erwirtschaften. Ziel ist ein moderates positives Ergebnis. Dafür müssen wir aber allerhand Vorgaben einhalten. Das Geld, das wir vom Bezirk Oberbayern bekommen, ist zweckgebunden. Über alle Ausgaben müssen Nachweise geführt werden. Auch die Einhaltung des Personalschlüssels wird – wie die Betreuungsleistungen - kontinuierlich durch die Heimaufsicht kontrolliert. Bei Abweichungen drohen Rückforderungen und umfangreiche Prüfungen.

Ein einschneidender Systemwechsel steht mit dem neuen Bundesteilhabegesetz bevor, das am 1. Januar 2017 in Kraft treten soll. Darin wird auch die Finanzierung der Behindertenhilfe neu geregelt. Wie das genau aussehen soll, darüber streiten zurzeit noch die Fachleute – siehe Bericht über das Fachgespräch am 23. September. Auf jeden Fall muss sich die Algasinger Verwaltung auf gravierende Änderungen einstellen.

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